GENERALIEN

Die Schaukästen von Jörg koch besitzen eine distinguierte äußere Erscheinung, orientiert am gesellschaftlich vorherrschenden Status Quo des Designs. Sie bleiben durch ihre Kompaktheit, ihre zurückhaltende Distanz bis an den Rand des Absolutismus und der Hermetik dem oberflächlichen Betrachter, unlesbar, verschlossen. Läßt man sich jedoch ein, wird der Blick stufenweise durch Schichten transparenter Gläser in verschiedenen Helligkeitsabstufungen und Färbungen bis an die Grenze des Erkennbaren geleitet. Dieser vorkalkulierte schleusenartige Annäherungsprozeß geleitet Wahrnehmung in dunklere Gefilde und ist, aufgrund der Kraft, die angewendet werden muß um Schleier  zu lüften und die Dioptrie anzupassen, selten schnell abgeschlossen. Das Spannungsverhältnis zwischen Fassaden äußerer Coolness und persönlichen Gefühlswelten extremer Dimensionen, welches durch diese Vorgehensweise ausgelotet wird, ist Ausdruck gesellschaftlicher Ambivalenzen und vermittelt dem Betrachter eine Ahnung der Schwierigkeit von Kommunikation oder gar Verstehen. Das Werk von Jörg Koch teilt sich in zwei Hauptstränge: Auf der einen Seite experimentiert er abstrakt, praktisch „ in vitro“ auf dem Gebiet der Durchsichtigkeiten in der Benutzung von Gläsern bei räumlichen Konstruktionen, wobei gesteuerter Lichteinfall (auch durch Kunstlicht im Inneren) und die Mischung miteinander gestaffelter gefärbter Gläser die Koordinaten in diesem Experimentierfeld abstecken. Auf der anderen Seite werden die dort laborhaft erlangten Erkenntnisse „in vivo“ auf Objekte metaphorisch - semantischen Inhaltes übertragen. Der Kern dieser Arbeiten kristallisiert sich in der Frage nach der Identität des Menschen in einer technisch geprägten Umwelt.
Eine „Maschine“, oder ein „architektonisches Bauwerk“ fungiert in der Arbeitshypothese als „Black Box“, deren Innenleben sich, trotz des wachsenden Anteils an Lebenszeit, den wir in Bildungseinrichtungen verbringen, in zunehmendem Maße unserem Verständnis entzieht. Da wir Maschinen trotzdem nutzen, finden Projektionen in dieses Vakuum hinein, statt. Umgestülpt werden auf dieser Grundlage Interpretationen, welche die Gegensatzpaare Körper/Geist bzw. Innen/Außen als Fragestellungen mit der Aussicht auf Harmonisierung nutzen, durchgeführt.  

    

                                                                                        SALON X
K. rollte auf der Hauptstraße durch seine Heimatstadt. Einige Häuser rechts und links in den Autofenstern hatte er selbst gebaut. Er befand sich auf dem Weg zum Treffen des Salons , einem Bund „alter Hasen“ verschiedener Gesellschaftssparten, die dort in gemütlicher Atmosphäre fachsimpelten, neue gesellschaftliche Entwicklungen diskutierten und auch ein Wenig mauschelten. 
Nachdem er beim Neurologen gewesen war, hatte er noch einige Medikamente in der Apotheke abgeholt. Gebrauchsmusik umfing ihn dort in der Schlange, ohne Gnade, erbarmungslos, wie in Kafkas Strafkolonie musste dort ein genial verrückter Wissenschaftler in einem Hinterzimmer die Tasten dieses monströsen Bestrafungsapparates bedienen. Vielleicht träumte er ja nur, vegetierte in Wirklichkeit als Apalliker auf einer Intensivstation, beatmet und sediert, von einem Anästhesisten im Traumschlaf gehalten, die Seelennahrung medikamentös injiziert. Chemische Ingredienzien wurden wie Notationen einer Symphonie durch Destillationsprozesse in Agregatzustände überführt, welche im Dunkel wirkend, Erlebnisse, Erinnerungen, Sinneseindrücke und Emotionen evoziert. Neben seinem taubengrauen Aston Martin hielt an der Ampel ein giftig neongelb-fluoreszierender tiefergelegter Punto, aus dessen geöffnetem Fenster Technomusik wie ein Schiffsdiesel rumpelte. Die Beifahrerin wirkte wie ein seltener Schmetterling mit ihrer durchsichtigen Bluse, die wie Flügel im Wind flatterte. Er erinnerte sich an seine erste Liebe Vanessa, bei der er sich vor Zeiten seine unselige Krankheit eingefangen hatte. Melancholie überflutete sein Gemüt, trotz des Tranqualizers, auf dessen stimmungsaufhellende Wirkung er sich doch sonst immer so sicher verlassen konnte. Sie und er ein Paar, fast eine Person, ein Porträtist hätte Ihn in sie hineinmalen, ein Bildhauer ihn in ihr verstecken sollen. Sein sezierend – analytisches Wesen, das der Oberfläche die Haut schichtweise abzog und dessen freiliegendes Hirn kein steuerungswürdiges Herz im Brustkorb vorfand, provozierte das Gegengewicht gefäßern-gläserner Leere ihrer Äußerlichkeit, den Details ihrer Hülle. Zusammen bildeten sie linkes und rechtes Glas einer Brille, erschufen sie die Welt. Oder sie war sein Fetisch, er hatte sie mit feinen und scharfen Werkzeugen konstruiert, akurat ausgerichtet, schraubte an seinem Eros. Stand die phallische Lampe für die glühende Sicherung seines Antriebes, als Leuchtfeuer seiner Orientierung, die ihm, gleich einem orthopädischen Gerüst die Wirbelsäule versteifte?
Ein Hupen, die Ampel war auf Grün umgesprungen, er fuhr weiter. Hatte er eigentlich immer dieses von außen uneinsehbare Bürogebäude übersehen? Für einen kurzen Moment leuchtete in den oberen Etagen hinter dem Spionspiegelglas ein Raum auf. K. meinte noch etwas Seltsames, Verbotenes gesehen zu haben, dann musste er abbiegen. Im Rückspiegel kontrollierte er, ob seine Brille auch richtig geputzt war, denn die Lichtspiegelungen auf der kühlen Häuserfassade erzeugten sternförmige Reflexe auf dem Glas. Wenn er sich so anschaute, überkam ihn Schläfrigkeit und seine Gedanken wurden in den Orkus des Vergessens gespült,- er griff zu den Weingummis, um den schlechten Geschmack zu verscheuchen. Rechts von ihm erschien das „Stift Feierabend“, ein hochhausgroßes Altenpflegeheim, von dem man munkelte, das die Trägerschaft dieser vormaligen Stiftung nun von einer Hygienekette und einem Altenpflegekonzern mit Börsennotierung gehalten werde. Aus dem Haupteingang sickerte kristallklar-parfümiertes Wasser, wurde in einer Außenleitung durch Filter wieder in das obere Stockwerk gepumpt, rotblaues Glimmen illuminierte die Fenster. 

Fräulein K. war unzufrieden. Wieder hatte sie gesündigt und nicht „Nein“ sagen können: Ihre Schwäche und das dritte Stück Schwarzwälder Kirsch lagen ihr tonnenschwer auf der Seele und im Magen. Natürlich markierte die Torte aus der angesehenen Konditorei „Venus“ einen ultimativen Höhepunkt europäischer Konfiseriekultur. Wie aber hatte sie die calvinistische Tradition ihres puritanischen Elternhauses, wie die weitgesteckten Ambitionen ihrer Karriereplanung so verdrängen können? „Der Mensch ist, was er isst“. Die Selbstkasteiungen ihrer Hungerkuren halfen ihr doch normalerweise immer, über das vegetative Ausgeliefertsein an ihre Körperlichkeit zu triumphieren.
In ihrer beruflichen Position galt es, körperliche Bedürfnisse zu instrumentalisieren, ihr Körper war ihr Kapital, von Geburt an mit überlegenen Eigenschaften gesegnet, befand sie sich durch Kampfsport- und Biathlontraining und durch Zen – Meditation in einem Zustand optimaler Kampfbereitschaft, die ihre Siegesgewissheit auf dem Wege zu den Insignien der Macht rechtfertigte. Augenblicklich jedoch zogen die Anstrengungen des Verdauungsprozesses jegliche Energie von der Konzentration auf ihre nächste Aufgabe ab, sie musste sich befreien, sie musste wieder emporsteigen zum Olymp ballastfreier geistiger Meditation, zu den Sphären schwerelosen Schweifens in den Gefilden strategischen Brainstormings, - sie sollte den Booster einschalten. Fräulein K. schlurfte ins Bad und wühlte nach dem passenden Laxans. Nicht nur die Windungen ihres Darmes, - auch die ihres Gehirnes litten unter Obstipation. Angesichts der Tragweite ihrer Blockierung musste wohl eine durchgreifende Methode ihre Anwendung finden.
Das Mittel “ X - Prep“ war eigentlich angezeigt bei der Grundreinigung vor Abdominal – OP´s. jetzt sollte es ihr helfen, ihre klebrig – verkleisterten Innereien zu säubern und den Zustand klarer Aufgeräumtheit wiederherzustellen. Nachdem sie einen Esslöffel der Flüssigkeit mit einem großen Glas Vittel – Mineralwasser heruntergestürzt hatte, setzte sie sich in Meditationshaltung vor die freie Wand im Wohnzimmer und konzentrierte sich auf das freie Spiel aller Geistes – und Körperregungen.
Wenn die kulturelle Evolutionsgeschichte der Menschheit eine zunehmende Vergeistigung, ablesbar an der Entwicklung abstrakter Strukturen darstellte, sollte man für dieses Spiel gerüstet sein. Nur Diejenigen, die ihre Sensorik und ihre Verarbeitungskapazitäten an dieser Prämisse ausrichteten, würden in der Zukunft eine prägende Rolle spielen können. Es war noch ein weiter Weg zurückzulegen.
Das leichte Grummeln in ihrem Inneren verstärkte sich. Die Zukunft der Menschheit lag im unendlichen Universum. Welcher Stoff speicherte die gigantischen Engergiereserven, um auf diese Reise aufzubrechen und wie war der Mensch beschaffen, der die Aufgabe, die aktuell doch sehr zerfaserten Kommunikationsmechanismen zu vereinheitlichen und damit alle Bestandteile der menschlichen Zivilisation gebündelt nutzbar zu machen, bewältigen konnte?  Fräulein K. erhob sich, begab sich ins Badezimmer, schob Rock und Slip herunter auf die Knie und lies sich auf der Toilettenbrille über dem Abflussrohr nieder.

Am Ziel angekommen, betrat K. im Foyer eine Kabine des Pater Noster, um sich zum Salon emportragen zu lassen. Aus Spieltrieb oder guter Laune drehte er eine Ehrenrunde. Im „Himmel“ und in der „Hölle“ überkamen ihn überstrahlte Visionen von Häusern, die er gebaut hatte oder noch bauen würde. Er freute sich über die ständig wechselnden Passagierkombinationen, die sich durch Ein – und Ausstieg ergaben. Auf den jeweiligen Etagen konnte er die Kabinen mit den Personen der anderen Fahrtrichtung im Spiegel erkennen. Während in seiner Kabine ein Photograph mit Equipment und einer kleinen umgehängten Lupe zu Gast war, konnte er in der Gegenrichtung einen Botenjungen auf Turnschuhen mit Handy und Fahrrad erkennen. Bilanzbuchhalter/Bibliothekarin, Putzfrau/Heizer, Gärtner/Dachdecker bildeten andere Kombinationen. In Gedanken sah er die Verflechtungen gesellschaftlicher Bereiche wie das Muster eines Computerchips. Für kurze Zeit fuhren ein mit Laptop bewaffneter Jungunternehmer und ein Elektroinstallateur in seiner Kabine mit. Zwischen den Beiden entwickelte sich ein Gespräch über die Bedeutung dieses Arbeitsgerätes und Kulturträgers: Chaten unter dem Pseudonym Napoleon mit einem Gegenüber in Hollywood, Kryptographie, Aktualisierungen, Ablagen und andere identitätsverwirrende Ebenen warfen sich, geologischen Verwerfungen gleich, auf. Kommunikationsmodelle und philosophische Termini wurden bemüht, raketengleich schoss die Diskussion vorbei an mathematischen Formeln hinauf zu den Sternen.
Im obersten Stockwerk stieg K. aus und betrat den „Salon“, dessen Wände mit Bücherregalen verstellt waren. Die Zwischenräume waren mit mahagoniefarbigem Holz klassizistisch vertäfelt. Der Boden war bedeckt von tiefweinrotem Teppichboden, durchwirkt von geometrischen Strukturen. Nachdem er seine Kollegen begrüßt hatte, ließ er sich in den schweren Ledersessel fallen, entzündete sich eine „Montechristo“ und füllte sein Glas mit rotem Port aus der Kristallkaraffe. Hastig leerte er das Glas. J.N. und J.K. spielten Schach. Wie die Wasserwand eines gebrochenen Staudammes traf K. die Wirkung des viel zu schnell heruntergekippten Portweins in dieser aufgeheizten Atmosphäre. Die schwarzen und weißen Felder des Schachspiels fingen an, emporzuwuchern, die übereinander getürmten Quader schufen Volumina für ein holographisches 3D-Schachspiel. K.´s Blick verfing sich in Reflexen, transparenten Einfärbungen, Laser schufen Raumkoordinaten. Er befahl Aladin, dem Geist aus der Flasche, diesem Gebilde, das sich Kristallkaraffe nannte, weitere Etagen zuzufügen, sechs ähnliche Varianten nebeneinander zu komponieren. Gläserne Hochhausfigurationen, exerzierende Quallenformationen ordneten sich in einem Rahmen. Ein zweites Glas Port und K. stellte die Lehne seines Sessels zurück. Sein Blick wurde emporgehoben zur Kasettendecke des Raumes, deren einzelne Fächer durch den Schwindel der heftigen Lageveränderung in Bewegung gerieten. Über der Begrenzungslinie des Beleuchtungskegels der Hängelampe gelegen, definierte die Schwärze des Schlagschattens die Tiefe jeden Kastens. Eine passive Lichtorgel, vom Flackern der Kerzen zum Tanzen animiert. Ein Teleobjektiv aktivierte und differenzierte die Rasterung zu mehreren hintereinander liegenden Rosten. Gleich dem Nachbrennen eines Blitzschlages auf der Iris überstrahlte pornographisch-rotes Licht diesen Eindruck. Daraus wölbten sich dämmernd ins Dunkel gestürzte Teilquadranten haubenhaft hervor. Unter diesen helleren Transparenzen verbargen sich immer dunklere Exklusionssphären. 
Diese Konstellation rief nach einem Sommersonnentag, der Examination durch Bestrahlung riesiger Wattzahlen, Terra Incognita hoffte auf Entdeckung. Sich nach dem Kompositionsschema dieser Haubenlandschaft fragend, gründete K. imaginäre Raumlinien. Diese Zeichnungen wuchsen sich zu gläsernen Kantrohren quadratischen Querschnittes aus, gestopft mit Abfallmaterialien, Dekor wurde zur Konstruktion, Sinn mutierte zur Oberfläche. K.s´ Augen fokusierten die Hauptlinien, diese wiederum sprangen um, wie durch Hunderte von Lupen erschien glasklar eine weitere Zeichnung, verziert mit rokokohaften Floskeln, leise spannungsgeladen vibrierend. Ein Feuerzeug entflammte diese mit marinierten Kaskaden unterfütterten spanischen Farben, absteigend blaugrüne, kaleidoskopisch zersplitterte diagonale Treppenstufen führten hinab zu …………
K. wurde angesprochen. P. wollte sich mit ihm über sein neues Projekt unterhalten. K. drückte sich den Eiswasserkrug an die Stirn.   

JÖRG KOCH
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